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Das Geheimnis des Lebens ist kein Problem, das gelöst werden muss, sondern eine Realität, die erfahren werden muss.
Meditationen aus Bifrost Eyrie,
Texte des Buddhislam
Anderthalb Jahre lang war Abulurd Harkonnen ein gebrochener Mann. Er verbarg sein Gesicht aus Scham vor den schrecklichen Dingen, die sein Sohn getan hatte. Er nahm die Schuld auf sich, aber er konnte die gequälten Blicke der guten Menschen von Lankiveil nicht mehr ertragen.
Wie er befürchtet hatte, gingen die Erträge nach Rabbans Gemetzel an den Bjondax-Walen im Tula-Fjord zurück. Dörfer wurden aufgegeben, als die Fischer und Walpelzjäger fortzogen. Die Holzhäuser der Ansiedlungen standen leer und verfielen. Eine ganze Kette von Geisterstädten zog sich die felsige Küste entlang.
Abulurd hatte seine Diener entlassen und das große Blockhaus geschlossen, das nun wie ein Grabmal an ihr einstmals idyllisches Leben erinnerte. Er und seine Frau gaben das altehrwürdige Gebäude in der Hoffnung auf, dass die guten Zeiten irgendwann zurückkehrten. Vorerst lebten sie in ihrer kleinen Datscha auf einer abgelegenen Landzunge, die sich in das blutbesudelte Wasser des Fjords erstreckte.
Emmi, die stets rüstig und gesund gewirkt hatte, die stets ein kluges Lächeln in den Augen gehabt hatte, schien auf einmal alt und müde geworden zu sein, als hätte das Wissen um die Boshaftigkeit ihres Sohnes ihr die letzte Kraft geraubt. Sie hatte stets mit beiden Beinen auf der Erde gestanden, doch nun war ihr Stand schwer erschüttert worden.
Glossu Rabban war einundvierzig Jahre alt und ein erwachsener Mann, der selbst für seine schrecklichen Taten verantwortlich war. Dennoch machten sich Abulurd und Emmi Vorwürfe, dass sie etwas falsch gemacht hatten, dass sie ihm nicht vermittelt hatten, welchen Wert die Ehre und die Liebe zum Volk hatten ...
Rabban hatte persönlich den Angriff angeführt, der Bifrost Eyrie ausgelöscht hatte. Abulurd hatte zusehen müssen, wie der Mann nichts unternommen hatte, als die Wachen seinen eigenen Großvater in den Abgrund gestoßen hatten. Durch das Abschlachten der Wale im Tula-Fjord hatte er im Handstreich die wirtschaftliche Grundlage der gesamten Küste zerstört. Von einem Vertreter der MAFEA hatten sie erfahren, wie sehr Rabban es genoss, unschuldige Opfer in den grausamen Sklavengruben auf Giedi Primus zu foltern und zu töten.
Wie kann dieser Mann mein Nachkomme sein?
Während sie in ihrer einsamen Datscha wohnten, versuchten Emmi und Abulurd, einen weiteren Sohn zu zeugen. Es war eine schwere Entscheidung gewesen, aber sie waren schließlich zur Erkenntnis gelangt, dass Glossu Rabban nicht mehr ihr Kind war. Er hatte ihre Liebe auf immer verwirkt. Es war in erster Linie Emmis Wunsch gewesen, den Abulurd ihr nicht abschlagen konnte.
Auch wenn es unmöglich war, den von Rabban angerichteten Schaden ungeschehen zu machen, konnten sie vielleicht einen weiteren Sohn haben, um ihn richtig zu erziehen. Emmi war zwar gesund und kräftig, hatte ihre besten Jahre aber schon hinter sich, und die Harkonnens waren nie sehr fruchtbar gewesen.
Victoria – die erste Frau von Dmitri Harkonnen – hatte ihm nur einen einzigen Sohn geschenkt, Wladimir. Nach einer erbitterten Scheidung hatte Dmitri die junge und schöne Daphne geheiratet, doch ihr erstes Kind Marotin war schwer behindert gewesen, eine peinliche Schande für die Familie, und mit achtundzwanzig Jahren gestorben. Daphnes zweiter Sohn Abulurd war ein kluger Junge und der erklärte Liebling seines Vaters. Sie hatten zusammen gelacht, gelesen und gespielt. Dmitri hatte Abulurd in der Staatskunst unterrichtet und ihm aus den historischen Abhandlungen des Kronprinzen Raphael Corrino vorgelesen.
Dmitri hatte nicht viel Zeit mit seinem ältesten Kind verbracht, dafür hatte Wladimir viel von seiner verbitterten Mutter Victoria gelernt. Obwohl sie denselben Vater hatten, hätten Wladimir und Abulurd kaum unterschiedlicher ausfallen können. Leider war Rabban mehr nach dem Baron als nach seinen eigenen Eltern geraten ...
Nach Monaten der selbst auferlegten Abgeschiedenheit fuhren Abulurd und Emmi mit ihrem Boot an der zerfurchten Küste entlang zum nächsten Dorf, wo sie frischen Fisch, Gemüse und andere Vorräte einkaufen wollten, die in der Datscha fehlten. Sie trugen selbst gestrickte Schals und dick gepolsterte Jacken ohne schmückende Abzeichen ihres Rangs.
Als Abulurd und seine Frau über den Markt liefen, hoffte er, dass sie wie gewöhnliche Bürger behandelt wurden und inkognito blieben. Aber die Menschen von Lankiveil kannten ihr Oberhaupt viel zu gut. Sie hießen ihn mit schmerzhaft freundlichen Grüßen willkommen.
Als er bemerkte, wie verständnisvoll ihn die Dorfbewohner ansahen, erkannte Abulurd, dass es falsch gewesen war, sich zu isolieren. Die Bewohner dieses Planeten brauchten ihn genauso sehr, wie er die Gesellschaft seiner Bürger brauchte. Was sich in Bifrost Eyrie zugetragen hatte, war eine der größten Tragödien in der Geschichte von Lankiveil, aber Abulurd Harkonnen durfte deswegen nicht jede Hoffnung aufgeben. In den Herzen dieser Menschen brannte immer noch eine helle Flamme. Ihre Begrüßung füllte einen großen Teil der Leere in ihm wieder auf ...
In den folgenden Monaten sprach Emmi mit den Frauen der Dörfer, sodass sie vom Wunsch ihres Gouverneurs nach einem weiteren Sohn wussten, der hier auf Lankiveil und nicht als Harkonnen erzogen werden sollte. Emmi weigerte sich einfach, die Hoffnung aufzugeben.
Ein seltsamer Zufall ereignete sich während einer Woche, in der sie einkauften und ihre Körbe mit frischem Gemüse und geräuchertem, in gesalzenen Tang gehülltem Fisch füllten. Als sie von Stand zu Stand gingen und sich mit Fischverkäufern und Muschelschnitzern unterhielten, fiel Abulurd eine alte Frau auf, die am Ende des Marktes stand. Sie trug das hellblaue Gewand eines buddhislamischen Ordens. Die goldenen Stickereien auf dem Stoff und die kupfernen Glöckchen um ihren Hals deuteten darauf hin, dass sie eine sehr hohe Stufe der Erleuchtung erlangt hatte, was nur wenigen Frauen in ihrer Religion vergönnt war. Sie stand reglos wie eine Statue da und war kaum größer als die übrigen Dorfbewohner ... dennoch hatte sie eine besondere Präsenz, die sie wie ein Monolith aus der Menge herausragen ließ.
Emmi beobachtete sie gebannt und trat schließlich voller Hoffnung und Erstaunen vor. »Wir haben von Ihnen gehört.« Abulurd sah seine Frau verwundert an, da er keine Ahnung hatte, wovon sie sprach.
Die alte Nonne warf ihre Kapuze zurück und enthüllte einen frisch geschorenen Kahlkopf mit geröteter und fleckiger Haut, als wäre sie die Kälte nicht gewöhnt. Sie runzelte die Stirn, und die pergamentartige Haut ihres länglichen Gesichts zerknüllte wie Papier. Doch dann sprach sie mit einer Stimme, in der eine hypnotische Resonanz lag. »Ich weiß, was Sie sich wünschen – und ich weiß, dass Gott manchmal die Wünsche jener erfüllt, die Er für würdig hält.«
Die alte Frau beugte sich näher heran, als wären ihre Worte ein Geheimnis, das nur ihnen offenbart werden durfte. Die Kupferglöckchen an ihrer Halskette klingelten leise. »Ihr Geist ist klar, Ihr Gewissen rein, und Ihr Herz einer solchen Belohnung würdig. Sie beide haben bereits so viel Leid erdulden müssen.« Ihr Blick wurde hart. »Aber Sie müssen sich mit aller Kraft ein weiteres Kind wünschen.«
»Das tun wir«, sagten Abulurd und Emmi gleichzeitig. Sie sahen sich verblüfft an und lachten nervös. Emmi griff nach der Hand ihres Ehegatten.
»Ja, ich erkenne Ihre Aufrichtigkeit. Eine wichtige Voraussetzung.« Die Frau sprach murmelnd einen Segen für das Paar. Dann – als würde Gott persönlich Seine übernatürliche Zustimmung geben – klärte sich plötzlich die graue Wolkensuppe und ließ ein paar Sonnenstrahlen auf das Dorf scheinen. Alle anderen Marktbesucher starrten Abulurd und Emmi voller Neugierde und Hoffnung an.
Die Nonne griff unter ihr himmelblaues Gewand und holte mehrere kleine Päckchen hervor. Sie hielt sie nur mit den äußersten Fingerspitzen.
»Extrakte von Meerestieren«, sagte sie. »Perlmutt mit Diamantenstaub verrieben, dazu Kräuter, die nur zur Sommersonnenwende oberhalb der Schneegrenze wachsen. Eine sehr wirksame Mischung. Gehen Sie weise damit um.« Sie reichte Abulurd und Emmi jeweils drei der Päckchen. »Brauen Sie daraus einen Tee und trinken Sie davon, bevor Sie sich lieben. Aber achten Sie darauf, nicht Ihre Kräfte zu vergeuden. Beobachten Sie die Monde oder konsultieren Sie den Mondkalender, wenn die Wolken zu dicht sind.«
Die alte Nonne erklärte ihnen sorgfältig die günstigsten Mondphasen für die Zeugung eines Kindes. Emmi nickte und hielt die Päckchen fest, als wären sie ein wertvoller Schatz.
Abulurd hegte eine gewisse Skepsis. Er hatte von volkstümlichen Mitteln und abergläubischen Heilmethoden gehört, aber der begeisterte und hoffnungsvolle Gesichtsausdruck seiner Frau hielt ihn davon ab, seine Zweifel zur Sprache zu bringen. Er versprach sich, dass er ihretwegen alles tun würde, was diese seltsame alte Frau ihnen auftrug.
Mit noch leiserer Stimme, doch ohne die geringste Spur von Verlegenheit erklärte die runzlige Nonne ihnen in allen Einzelheiten, durch welche Rituale sie ihre sexuelle Befriedigung und damit auch die Wahrscheinlichkeit steigern konnten, dass sich ein Spermium mit einer fruchtbaren Eizelle vereinigte. Emmi und Abulurd hörten aufmerksam zu und versprachen, allen Anweisungen Folge zu leisten.
Bevor sie den Markt verließen und zu ihrem Boot zurückkehrten, machte Abulurd noch einen kleinen Umweg, um einen aktuellen Mondkalender zu kaufen.
* * *
Im Dunkel der Nacht entzündeten sie Kerzen in den Räumen ihrer Datscha und schürten ein großes Feuer im Kamin, damit ihr Heim von warmem, orangefarbenem Licht erfüllt war. Draußen hatte sich der Wind gelegt, als würde er lautlos den Atem anhalten. Das Wasser des Fjords war wie dunkles Glas, in dem sich die Wolken spiegelten. Die wuchtigen Berge ragten steil aus dem Wasser, und ihre Gipfel verloren sich im bedeckten Himmel.
In der Ferne, hinter der Krümmung der Bucht, konnten sie den Umriss des Blockhauses erkennen. Die Fenster und Türen waren verriegelt, die Möbel verhüllt, die Schränke leer und die Räume eiskalt. Die verlassenen Dörfer waren nur noch stumme Erinnerungen an die Zeiten des lebhaften Walpelzhandels.
Abulurd und Emmi lagen auf ihrem Hochzeitsbett aus goldgelbem Elacca-Holz, in das wunderschöne Farnmuster geschnitzt waren. Sie hüllten sich in warme Felle und liebten sich langsam und mit einer leidenschaftlichen Aufmerksamkeit, die sie seit Jahren nicht mehr erlebt hatten. Der bittere Nachgeschmack des Tees der alten Nonne erfüllte sie mit einer unzivilisierten Begierde, in der sie sich wieder jung fühlten.
Als sie sich anschließend befriedigt in den Armen lagen, lauschte Abulurd auf die Geräusche der Nacht. Er glaubte, aus weiter Ferne ein Echo zu hören, das vom stillen Wasser zu den steilen Felswänden schallte – die Rufe einsamer Bjondax-Wale, die sich wieder in die Nähe der Bucht gewagt hatten.
Abulurd und Emmi nahmen es als gutes Omen.
* * *
Nachdem ihre Mission erfüllt war, legte die Ehrwürdige Mutter Gaius Helen Mohiam ihr buddhislamisches Gewand ab und packte auch die kleinen Zierglöckchen ein, die sie um den Hals getragen hatte. Ihre Kopfhaut juckte, aber ihr Haar würde schon bald nachgewachsen sein.
Sie entfernte die Kontaktlinsen, die ihr eine falsche Augenfarbe verliehen hatten, und das Make-up, das sie älter hatte erscheinen lassen. Dann behandelte sie ihre spröde Gesichtshaut mit Lotionen, damit sie sich von den kalten Winden Lankiveils erholte.
Sie hatte sich über einen Monat lang hier aufgehalten und Daten über Abulurd Harkonnen und seine Frau gesammelt. Während eines ihrer Ausflüge zum Dorf – ihr Wochenablauf war äußerst regelmäßig und vorhersagbar – hatte sie sich heimlich nach Norden begeben und war in ihre Datscha eingedrungen, um Haare, Hautschuppen und abgeschnittene Fingernägel einzusammeln, damit sie die Biochemie der Ehepartner präzise bestimmen konnte. Aus solchen Dingen gewann sie alle Informationen, die sie brauchte.
Expertinnen der Schwesternschaft hatten die Wahrscheinlichkeiten analysiert und ermittelt, wie die Chancen standen, dass Abulurd Harkonnen ein weiteres Kind zeugte – ein männliches Kind. Das Kwisatz-Haderach-Zuchtprogramm benötigte alternatives genetisches Material, nachdem sich Glossu Rabban als zu ungebärdig erwiesen hatte – und obendrein schon zu alt war –, um als geeigneter Partner für die Tochter infrage zu kommen, die Jessica von Leto Atreides empfangen sollte. Die Bene Gesserit benötigen einen weiteren männlichen Harkonnen.
Sie ging zum Raumhafen von Lankiveil und wartete auf das nächste Shuttle. Im Gegensatz zu ihrer Erfahrung mit dem niederträchtigen Baron musste sie diesmal niemanden zu einem Kind zwingen, das gar nicht gewollt war. Abulurd und seine Frau wünschten sich aus ganzem Herzen einen weiteren Sohn, und Mohiam war glücklich, dass die Mittel der Schwesternschaft dazu eingesetzt wurden, ihre Chancen zu verbessern.
Diesen neuen Sohn, Glossu Rabbans jüngeren Bruder, erwartete ein bedeutendes Schicksal.